Am 5. Januar 2023 verstarb der Ehrenbürger der Stadt Ostritz und Ehrenvorsitzende des Kuratoriums des Internationalen Begegnungszentrums St. Marienthal, Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Geißler, im Alter von 91 Jahren. Prof. Geißler hinterlässt neben seiner Ehefrau, drei Töchter, acht Enkelkinder und zwei Urenkel.

Prof. Geißler war es, der die Idee dazu hatte, in den verfallenen ehemaligen Wirtschaftsgebäuden des Klosters St. Marienthal ein Internationale Begegnungszentrum (IBZ) zu errichten. Über viele Jahr hinweg war er als ehrenamtlicher Vorsitzender des Kuratoriums und ehrenamtliches Mitglied des Stiftungsrates des IBZ Ideengeber und „Motor“ beim Auf- und Ausbau des IBZ.

Im April 1991 besuchte Prof. Geißler zum ersten Mal das Kloster St. Marienthal. Der Anlass dafür war ein zweifacher:

  • Sein Besuch galt einem Mitglied des Zisterzienserinnenkonvents, Schwester M. Katharina Schorcht. Zwischen der Dresdener Familie Schorcht und Geißlers späteren Frau begann in den 1950er Jahren im Rahmen der Beziehungen zwischen den Bistümern Dresden-Meißen und Hildesheim ein Briefkontakt. Nach der Eheschließung von Geißlers entwickelte sich eine persönliche Beziehung zwischen den Familien Schorcht und Geißler. Seit dem Eintritt der Tochter des Ehepaares Schorcht in das Kloster St. Marienthal hatten Geißlers jedoch keine Möglichkeit, sie dort zu besuchen.
  • Nach der Wende war Prof. Geißler Leiter des Instituts für Entwicklungsplanung und Strukturforschung an der Universität Hannover und Mitglied in Forschungsausschüssen und Gremien. In diesem Zusammenhang nahm er auch an Begegnungen eines deutsch-polnischen Arbeitskreises teil, der über die Entwicklung der beiderseitigen Grenzregionen beriet. Das erste Treffen fand in der Oberlausitz im April 1991 statt. Dies gab Prof. Geißler die Möglichkeit, einen Besuch des Klosters St. Marienthal ins Auge zu fassen. Von Schwester Katharina erhielt er die Nachricht, dass dies möglich sei. Nach dem Abschluss der Beratungen des Arbeitskreises blieb Zeit für einen Kurzbesuch. Die Zeit war sehr begrenzt, da er das Kloster kurz vor der Gebetszeit der Vesper erreichte. Anderseits stand ihm noch eine unter damaligen Bedingungen mindestens achtstündige Autofahrt nach Hannover bevor.

Die Anfahrt zum Kloster, die Einfahrt in das Klosterareal, das Wahrnehmen des bau- und kulturgeschichtlichen Ranges des Gebäudeensembles und des Nutzungsdefizits der Wirtschaftsgebäude sowie die unmittelbare symbolträchtige Grenzlage erzeugten in Prof. Geißler sofort die Vision einer Begegnungsstätte besonderer Art. Auf seine an Schwester Katharina gerichtete Frage, wie denn die inzwischen brachliegenden Wirtschaftsgebäude genutzt werden sollen, konnte sie ihm lediglich von der herrschenden Ratlosigkeit berichten. Sie verband dies mit dem Hinweis darauf, dass die Äbtissin sicherlich auch deshalb nicht gut schlafen könne.

Daraufhin schilderte Prof. Geißler mit wenigen Sätzen die Vision einer Begegnungsstätte, die er als christlich geprägte mitteleuropäische Brücke zwischen den Völkern West- und Osteuropas verstand. Schwester Katharina vermutete, dass diese Überlegungen auch die Äbtissin interessieren würden und verließ das Gesprächszimmer, um sie zu suchen. Nach wenigen Minuten betrat Äbtissin Pia Walter mit Schwester Katharina den Raum. Prof. Geißler skizzierte dann die Grundgedanken eines Begegnungszentrums. Nach einigen Rückfragen seitens der Äbtissin und seinen Antworten verabschiedeten ihn die Schwestern mit der von Frau Äbtissin an ihn gerichteten Frage, ob er bereit sei, dem Kloster zu helfen, indem er die Idee eines „Internationalen Begegnungszentrums“ konkretisiere und die Durchführbarkeit der Idee darlege.

Zum Hintergrund seiner Hilfszusage gehörten seine drei Erfahrungsbereiche, die zu erlangen den Menschen in Ostdeutschland damals nicht möglich war:

  • seine langjährigen Erfahrungen, die er bei der Vorbereitung und Realisierung von Einrichtungen des Bildungs-, Kultur- und Sozialbereichs gewonnen hatte;
  • seine Kenntnis von westlichen Beispielen der Umnutzung von klösterlichen Gebäuden;
  • seine Netzwerk-Erfahrungen, die besagten, dass durch überzeugende Ideen solche Persönlichkeiten zum gemeinsamen Engagement angeregt werden, die die Verwirklichung der Idee entscheidend fördern können. Damit im Zusammenhang stand auch seine Beobachtung, dass der richtigen Idee auch das erforderliche Geld folgt.

Damals ahnte Prof. Geißler noch nicht, auf welch´ steinigen Weg – sachlich und menschlich – er sich als Mensch aus dem Westen uneigennützig begeben hatte. Von der Erreichbarkeit des Zieles war er allerdings von Anfang an und trotz aller Schlaglöcher, die den Weg beschwerlich machen, unerschütterlich überzeugt.

Prof. Geißler war es, der 1992 zusammen mit einem Kreis fachkompetenter Persönlichkeiten die Konzeption zum Aufbau des IBZ erarbeitete. Auf die Initiative Geißlers gingen u.a. zurück

  • der Aufbau des Europäischen Schulnetzwerkes St. Marienthal (von 1994 bis heute mit jährlichen Begegnungen von Jugendlichen und Lehrenden von 16 Schulen aus 10 europäischen Ländern (insbesondere Deutschland und Osteuropa),
  • die Durchführung von 12 Begegnungen von KZ-Überlebenden aus Osteuropa und deutschen Jugendlichen nach dem Motto „Fragt uns, wir sind die Letzten!“
  • der Aufbau des Bildungsnetzwerks „PONTES: Lernen in und für Europa“ mit ca. 300 Kooperationspartnern/-innen in der Euroregion Neiße,
  • der Aufbau der IBZ-Arbeitsbereiche „Politische Bildung“ und „Seniorenbildung“.

Mehr als einhundert Mal fuhr Prof. Geißler in den Jahren 1991 – 2022 von seinem Wohnort Langwaden bei Hannover nach St. Marienthal, um den Auf- und Ausbau des IBZ zu unterstützen. Dafür hat er weder Reisekosten noch sonst irgendein Honorar erhalten. Sein Einsatz für das IBZ war originell, beispielhaft, kompetent, zeitintensiv und sehr erfolgreich. Prof. Geißler, selbst aus seiner Heimat in Ostpreußen vertrieben, war im besten Sinne ein selbstloser und engagierter Brückenbauer zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Ost- und Westeuropa.

Als Dank für seine uneigennützige und segensreiche Arbeit wurde Geißler 1998 mit der St.-Benno-Medaille des Bistums Dresden-Meißen und mit der Ehrenbürgerschaft der Stadt Ostritz ausgezeichnet. Das IBZ hat einem der ehemaligen Wirtschaftsgebäude des Klosters, dem ehemaligen Kälberstall, den Namen „St. Clemens-Haus“ gegeben. In dem Gebäude hängt ein großformatiges Porträt von ihm, das seine Tochter Hildegard, eine Malerin, von ihm angefertigt hat.

Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter/-innen des IBZ und viele andere Menschen werden ihn sehr vermissen!